Amtsblatt HKM Nr. 11/1998, S. 868-69
Archivpädagogisches Bildungsangebot
der Hessischen Staatsarchive für Schulen
Die Hessischen Staatsarchive in Wiesbaden, Darmstadt und Marburg sind die wichtigsten Dokumentationsstellen für die Geschichte des Landes Hessen. Sie verwahren historische Dokumente vom 9. Jahrhundert bis zur unmittelbaren Gegenwart. Sie sichern die zentralen politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und administrativen Unterlagen für Staat und Gesellschaft. Ca. 229 000 Urkunden, rund 425 000 Karten und Pläne sowie mehr als 100000 lfd. Meter Akten geben Auskunft über die historische Entwicklung auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen und über die Einbindung der hessischen Territorien in die deutsche und europäische Geschichte.
Seit der Liberalisierung der Benutzerordnung nach 1945 haben sich die Hessischen Staatsarchive zu "Häusern der Geschichte" gewandelt, die dem Informationsbedürfnis einer demokratischen Gesellschaft in grundlegender Weise dienen. Die Archive stehen jedem Bürger offen, der die aufbewahrten Dokumente wissenschaftlich oder privat erforschen möchte. Archivrechtliche Vorschriften garantieren gleichzeitig den Persönlichkeits- und Datenschutz. Historische Ausstellungen der Archive und Vortragsreihen in den Archiven informieren regelmäßig über Kapitel der hessischen Geschichte, aus der unsere Zeit lebt.
Zur bildungspolitisch ausgerichteten Öffentlichkeitsarbeit der Archive zählt die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Schule und Archiv. Diesem Zweck dienen in erster Linie archivpädagogische Arbeitsstellen in den Staatsarchiven, deren Einrichtung das Hessische Kultusministerium unterstützte.
Das im Verlauf der vergangenen Jahre ausgearbeitete archivpädagogische Bildungsangebot bietet Schülern, Lehrern und Schulen vielfältige Möglichkeiten, den außerschulischen Lemort Archiv für die historischen und gesellschaftspolitischen Informationsbedürfnisse der Schule zu nutzen.
Zu diesem Bildungsangebot gehören:
1. Beratungsdienste
Benutzerberatung und Auskunftsdienste für Schüler und Lehrer, z.B. für schulinterne Arbeitsvorhaben und Wettbewerbsarbeiten.
Gesprächskreise für Lehrer zur Vorbereitung und Auswertung von Unterricht im Archiv mit Originalquellen.
Beratung von Fachkompetenzen einzelner Schulen zur regional- und lokalgeschichtlichen Umsetzung des Curriculums.
2. Führungen
Hausführungen, z.B. mit Einleitungsreferat über die historische und politische Bedeutung der Archive für die Gesellschaft. Besichtigungstour (ggf. in Auswahl): Benutzersaal, Magazine (einschließlich Vorführung und Erläuterung ausgewählter Archivalien), Bibliothek, Restaurierungs- und Fotowerkstatt.
Schwerpunktführungen, benutzerorientiert und themenbezogen, z. B. Einführungsveranstaltung zur Projektarbeit und Spurensuche im Archiv. (Archivpädagogischer Tip für alle Schulstufen: exemplarische Auswahl von Urkunden: Königs-, Kaiser-, Bischofs- und Papsturkunden. Mittelalterliche Handschriften. Archivpädagogischer Tip für Sek. 1: Kulturgeschichte der Beschreibstoffe, v. a. Pergamenturkunden, das Papier.)
Ausstellungsführungen, z. B. zur aktuellen Ausstellung des Hessischen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden "Bürger und Bauern für Freiheit und Einheit. Die Revolution von 1848/49 im Herzogtum Nassau". Auch können ältere Ausstellungen eingesehen bzw. ausgeliehen werden; z.B. im Staatsarchiv Darmstadt die Wanderausstellung von 1994: "... möchten verbrennet werden'. Ausgrenzung und Gewalt gegen Ketzer, Juden, Hexen, auch in der hessischen Geschichte."
3. Unterricht mit Originaldokumenten
3.1 Geschichtsunterricht
Wir unterstützen:
a) Fach- und Projektunterricht in Geschichte mit unterschiedlichem Projektschwerpunkt und unterschiedlicher Projektdauer: Von Einsteigerprojekten (z. B. zweistündige Vormittagsveranstaltungen, Halbtages- und Tagesseminare) mit ausgewählten Archivalien bis hin zur historischen Projektarbeit.
b) Methodisch-didaktische Vorbereitung des Unterrichts, um z.B. die Materialauswahl genauer auf das Lemal- ter und das Leistungsvermögen der Schüler abzustimmen. Themenfindung und Planung praktikabler Unterrichtsmodelle. Hilfestellung bei der Strukturierung und Gliederung der Arbeitsvorhaben, z. B. bei der Suche nach archivdidaktisch geeigneten Fragestellungen bzw. bei der Formulierung entsprechender Arbeitsaufträge für Schüler.
c) Methodenbezogenen Einführungsunterricht v. a. zur Arbeit mit der Beständeübersicht und den Repertorien (Findbüchern).
d) Themenbezogene Einführungsveranstaltungen. Fachliche Betreuung der Lemgruppen über den gesamten Projektzeitraum im Archiv; z. B. stehen die Archivpädagogen mit Rat und Tat zur Verfügung, um Schülern und Lehrern bei der Überwindung der gewöhnlichen Anfangsschwierigkeiten zu helfen. Beratung bei der Informationsverarbeitung und Quellenkritik, ggf. auch bei der Präsentation.
Es besteht ein umfassendes regional- und lokalgeschichtliches Themenangebot für alle Jahrgänge, das sich auf die Rahmenpläne Geschichte beziehen lässt. Zum Beispiel zu "Mittelalterliche Lebenswelten"; Kirchen und Klöster als Herrschafts- und Kulturzentren, Stadt im Mittelalter, etwa Wiesbaden. Zum Beispiel zu "Wandel und Veränderung traditioneller Strukturen"; Reformation und Bauernkrieg in Hessen, Gründung der Universität Marburg, Hexenprozesse, Aufgeklärter Absolutismus, Schloßbau in Darmstadt. Auswandererschicksale, z.B. "Gesellschaftliche Veränderungsprozesse am Beginn der Auswirkungen der Französischen Revolution, Napoleon und die Rheinbundstaaten, Industrialisierung von der Manufaktur zur Fabrik. Landstände und Landtage in Hessen, Demagogenverfolgung im Bund, die Revolution von 1848 in Darmstadt/in Wiesbaden. (Archivpädagogischer Tip für Sek. 1 und II "Nationalsozialismus". Aufgrund der Materialfülle lassen sich die Quellen so auswählen, dass Schüler historische Ereignisse aus verschiedenen zeitlichen und historischen Perspektiven wahrnehmen können; z. B. aus dem Blickwinkel der Täter, der Mitläufer, der Oppositionellen und der Verfolgten.)
3.2 Unterricht in anderen Fächern und fächerübergreifender Unterricht
Deutsch, z. B. Analyse expositorischer Texte, etwa von Flugblättern und Zeitungsartikeln; Fremdsprachen, z. B. Französischabituraufsätze im Ersten Weltkrieg; Musik, z. B. Musik an Fürstenhöfen; Kunst, z. B. Plakate, Entwürfe von Denkmälern; Sozialkunde und Gemeinschaftskunde, z. B. Menschen am Rande der Gesellschaft, Rolle der Medien; Religion, z. B. Klöster, Reformation, Kirchen im Nationalsozialismus; Erdkunde, z. B. Flugregulierungen, Straßen- und Eisenbahnbau; Biologie, z.B. Vererbungslehre im Ill. Reich.
3.3 Ausstellungsbezogene Unterrichtsreihen
Gegebenenfalls unter Einbeziehung zusätzlicher Archivalien; als Arbeitshilfen stehen i.d.R. archivpädagogische Handreichungen bzw. Ausstellungskataloge und Dokumentenmappen zur Verfügung.
4. Lehrerfortbildung
Fortbildungsangebote und Kompaktseminare in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regionalstellen des Hessischen Landesinstituts für Pädagogik (siehe Programm der Regionalstellen, z. B. in Marburg, Jugenheim, Wiesbaden).
5. Betreuung und Herausgabe historischer Veröffentlichungen
Z. B. "Geschichte im Archiv, Das nördliche Hessen - Zeugnisse seiner Geschichte". "Kriegsreifeprüfung, Kriegsalltag, Kriegswirklichkeit und Kriegsende im Urteil Wiesbadener Schüler 1914-1918, Wiesbaden 1996". "Eine Generation wächst in die Diktatur. Jugend in Darmstadt und in den zwanziger und dreißiger Jahren. Dokumente 1928- 1944, Darmstadt 1997."
Über das jeweilige Themen- und Projektangebot der Archive geben die Archivpädagogen Auskunft. Grundsätzlich sollten die Arbeitsvorhaben wenigstens zwei Wochen vor dem Archivbesuch mit den Archivpädagogen abgesprochen werden.
Hessisches Staatsarchiv MarburgArchivpädagoge: OStR Dr. Thomas Lange
Karolinenplatz 3
64289 Darmstadt
Tel.: (0 6151) 16 59 54 und 16 59 00 (Zentrale)
Fax: (0 6151) 16 59 01
E-Mail: T.Lange@stad.hessen.de.
Internet: http://www.bildung.hessen.de/lernort/archiv/darmstadt/index.htm
Hessisches Hauptstaatsarchiv WiesbadenArchivpädagoge: OStR Dr. Reinhard Neebe
Friedrichsplatz 15
35017 Marburg
Tel.: (0 64 21) 9 25 0136 und 9 25 00 (Zentrale)
Fax: (0 64 21) 16 1125 und (0 64 21) 68 1999
E-Mail: archpaed@mailer.uni-marburg.de
Internet: www.uni-marburg.de/staatsarchiv oder www.digitales-archiv.net
Wiesbaden, den 20. Oktober 1998Archivpädagoge: StR Markus Müller-Henning
Mosbacher Str. 55
65187 Wiesbaden
Tel.: (06 11) 88 1156 und 88 10 (Zentrale)
Fax: (06 11) 88 1145
E-Mail:
VB4.1 - 950/630 - 322 -
(aktualisierte Internetversion mit Verzeichnis der z.Zt. tätigen Archivpädagogen, 12.01.2001)