| Online-Seite 5 von 10: Abitur Wilhelm II: Bildungsgang 9.10.1876, S. 9-13 |
| Hier begann ich meine griechischen Studien, und machte auch hier mit meinem Vater den Einzug des hessischen Corps in Cassel mit, bei <Seite 10> welchem mich der Jubel der Bevölkerung mit besonderer Freude erfüllte. Von Wilhelmshöhe reisten wir nach Wiesbaden wo wir uns noch einen Monat aufhielten. Hier setzte ich mein Studium der griechischen Sprache fort und obwohl es damals nur griechische Grammatik (Franke) war, die ich trieb so gefiel mir damals schon die griechische Sprache viel besser als die lateinische; ich kam auch so weit, daß ich in meinem Uebungsbuch (Jacobs) übersetzen konnte. Von Wiesbaden zurückgekehrt begann ich den Ovid zu lesen - bis dahin hatte ich alle sieben Bücher von Caesars bellum gallicum durchgelesen - allein ich fand ihn etwas sehr kindlich und zwar in seinen Vorstellungen, besonders bei Phaeton's Fahrt durch die Luft mit dem Donnerwagen, wo seine Pferde vor den Sternbildern scheu werden, das ist doch etwas viel Anforderung an die Phantasie. Ich hatte den Caesar viel lieber, und seine Beschreibung (Rheinbrücke, Waffen der Germanen, <Seite 11> Ueberfahrt nach Britannien und Belagerung von Alesia) und Schilderungen von Schlachten und Gefechten, für mich viel packender und interessanter war, als alle Bücher des Ovid zusammengenommen; nur eines war mir unangenehm, daß die Römer fast immer den Sieg behielten, die Barbaren in die Flucht jagten, sie in Massen niedermachten, selbst aber kaum einige Verwundete hatten. Darum freute ich mich, wenn ich las, daß irgendwo die Römer eine Schlappe erlitten hatten, besonders befriedigte mich die Vernichtung der Heeresabteilung des Cotta. Als ich aber die Geschichte meines deutschen Vaterlandes begann und an das Mittelalter kam, da ging mir nichts über Kohlrausch, nach dessen Buch ich sie lernte; es war mir zuletzt das liebste Buch, welches ich hatte, und die vier Jahre hindurch, während welcher ich aus ihm lernte, freute ich mich jeden Tag auf die Geschichtsstunde. Die Kaiser für welche ich <Seite 12> am meisten begeistert war, waren Otto I. Heinrich III. und Friedrich I. Barbarossa, es waren so zu sagen meine Lieblinge. Vor allem war Friedrich I. für mich das Ideal eines deutschen Ritters, und ich konnte nicht aufhören seine Tapferkeit, Ausdauer und Beharrlichkeit im Kampf mit dem Papste und den italienischen Städten zu bewundern. | Hier begann ich meine griechischen Studien; ich machte auch hier mit meinem Vater den Einzug des Hessischen Korps in Kassel mit, bei welchem mich der Jubel der Bevölkerung mit besonderer Freude erfüllte. Von Wilhelmshöhe reisten wir nach Wiesbaden, wo wir uns noch einen Monat aufhielten. Hier setzte ich mein Studium der griechischen Sprache fort und, obwohl es damals nur griechische Grammatik (Franke) war, die ich trieb, so gefiel mir damals schon die griechische Sprache viel besser als die lateinische. Ich kam auch so weit, daß ich in meinem Übungsbuch (Jacobs) übersetzen konnte. Von Wiesbaden zurückgekehrt, begann ich den Ovid zu lesen - bis dahin hatte ich alle sieben Bücher von Caesars Bellum Gallicum durchgelesen -, allein ich fand ihn etwas sehr kindlich und naiv in seinen Vorstellungen und Gleichnissen besonders bei Phaeton's Luftfahrt. Ich hatte den Caesar viel lieber, weil seine Beschreibung (Rheinbrücke, Waffen der Germanen, überfahrt nach Britannien und Belagerung von Alesia) und Schilderungen von Schlachten und Gefechten, für mich viel packender und interessanter waren, als der ganze Ovid zusammengenommen; nur eines war mir unangenehm: daß die Römer fast immer den Sieg behielten, die Barbaren in die Flucht jagten, sie in Massen töteten, selbst aber kaum einige Verwundete hatten. Deshalb freute ich mich, wenn ich las, daß irgendwo die Römer eine Schlappe erlitten hatten; besonders befriedigte mich die Vernichtung der Heeresabteilung des Cotta. Zugleich mit Ovid fing auch meine mathematischen Studien wieder an. Besonders lieb aber war mir das Studium der Geschichte des Mittelalters, welche ich nach Kohlrausch lernte. Es ging mir nichts über Kohlrausch, es war mir zuletzt das liebste Buch, welches ich hatte, und während der vier Jahre, während welcher ich aus dem Buch lernte, freute ich mich jeden Tag auf die Geschichtsstunde. Die Kaiser, für welche ich am meisten begeistert war, waren: Otto I., Heinrich III. und Friedrich I. Barbarossa, es waren sozusagen meine Lieblinge. Vor allem Barbarossa war für mich das Ideal eines deutschen Ritters, und ich konnte nicht aufhören zu bewundern seine Tapferkeit, Ausdauer und Beharrlichkeit im Kampf mit dem Papste und den italienischen Städten. |
| Neben diesen lateinischen, griechischen und deutschen Studien betrieb ich auch das Französische sehr viel. Ich habe sehr lange die französische Grammatik lernen müssen von Anfang bis zum Ende, und sehr schwer fand ich die Lehre vom Partizipium; aber merkwürdiger Weise waren es gerade die Partizipialendungen- und Constructionen, welche ich am besten auswendig wußte und in denen ich die wenigsten Fehler machte. Außerdem las ich ein sehr interessantes mit vielen Illustrationen reichlich ausgestattetes Buch theils zum Vergnügen, theils um geläufig lesen zu lernen betitelt <Seite 13> "Le fond de la mer". Da ich nun von je her eine Leidenschaft für das große, wunderbare Meer hatte, und für Alles was darauf und darinnen war; so liebte ich dieses Buch sehr, welches mich mit dem, was auf dem Meeresgrunde lebte oder im Meere sich herumtrieb, bekannt machte. Dann erzählte es auch von den Tauchern und den verschiedenen Apperaten, vermittelte (sic!) deren sie auf dem Grunde des Meeres sich einige Zeit lang (bis zu 6 Stunden) aufhalten und bewegen können. Speciell diesem Buche danke ich den Entschluß, mich, als wir 1871 in England waren, mit in eine Taucherglocke zu setzten und mit hinunter zu fahren; es war ein höchst merkwürdiges Gefühl als ich in dem kleinen, engen Raum ohne Fußboden, ins Wasser hinabgelassen ward, und, obwohl ich durch die Fenster überall Wasser um mich sah, doch demselben nicht näher zu kommen. | Neben diesen lateinischen, griechischen und deutschen Studien betrieb ich auch das Französische sehr viel. Ich habe sehr lange die französische Grammatik lernen müssen von Anfang bis zum Ende; und sehr schwer fand ich die Lehre vom Partizipium; aber merkwürdigerweise waren es gerade die Partizipialendungen und -konstruktionen, welche ich am besten auswendig wußte, und wo ich am wenigsten Fehler machte. Ich las dann ein sehr interessantes und mit vielen Illustrationen ausgestattetes Buch teils zum Vergnügen, teils um geläufig lesen zu lernen, betitelt: "Le fond de la mer". Da ich nun von jeher eine Leidenschaft hatte für das große wunderbare Meer und für alles, was darauf und darinnen war; so liebte ich dieses Buch sehr, welches mich bekannt machte, mit dem, was auf dem Meeresgrunde lebte oder im Meere sich herumtrieb. Dann erzählte es auch von den Tauchern und den verschiedenen Apparaten, vermittels deren sie auf dem Grunde des Meeres sich einige Zeit lang aufhalten und bewegen können. Speziell diesem Buche danke ich den Entschluß, mich, als wir 1871 in England waren, mit in eine Taucherglocke zu setzen und mit hinunter zu fahren. |
| Kein Reiseziel erfreute mich mehr als wenn es ans Meer ging. | Kein Reiseziel erfreute mich mehr, als wenn es ans Meer ging. |
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