| Online-Seite 3 von 10: Abitur Wilhelm II: Bildungsgang 9.10.1876, S. 1-4 |
|
<Seite 1> Motto: Ich wurde am 27. Januar 1859 zu Berlin geboren und getauft auf den Namen Friedrich Wilhelm Victor Albert. Bis zu meinem siebenten Jahre war ich unter weiblicher Aufsicht[19], alsdann erhielt ich einen Erzieher. Mit meinem achten Jahre begann ich das Studium der lateinischen Sprache, der Rechenkunst und der Geschichte. In meiner frühsten Kindheit machte ich zwei Reisen nach England und im Jahre 1864 ins Seebad Föhr nach Schleswig Holstein, welches Bad ich noch zweimal (1872 u. 1873) besucht habe. Im Jahre 1867 machte ich mit meinem Vetter, dem Erbgroßherzog Friedrich von Baden, eine Fußreise durch den Schwarzwald, auf der ich zum ersten Male von fern die Zinnen meiner Stammburg Hohenzollern leuchten sah. Auf der Rückreise besuchte ich die schönen und malerischen Ruinen des Heidelberger Schlosses "der Perle des Neckartales", an dem mir besonders der in der Mitte geborstene und zum <Seite 2> Theil herabgesunkene Thurm einen bleibenden Eindruck gemacht hat als Bild einstmaliger aber jetzt zerstörter Macht und Herrlichkeit. Ich machte dann noch eine Rheinreise, auf welcher meine Augen zum ersten Male den gewaltigen Riesenbau des Doms von Köln sahn, der auf mich einen so tiefen Eindruck machte, daß ich im Jahre 1871 auf meiner Rückreise von England alle Plätze wiedererkannte und wiederfand, wo ich zum ersten Male gestanden hatte. |
|
| Von früher Zeit an liebte ich besonders die Geschichte des Volkes der Hellenen mit ihren schönen Götter- und Heroensagen, unter den Göttern war mein Liebling Apollon, unter den Göttinnen Athena, dagegen verabscheute ich den Ares. Von den Heroen war mir Theseus der liebste. Allein vor allem war es der trojanischeKrieg, welcher mich anzog und in ihm am meisten die jugendlich schöne zugleich mächtige Heldengestalt des Achilleus. | Von früher Zeit an liebte ich besonders die Geschichte der griechischen Heroen, vorzüglich die des Trojanischen Krieges, in dem mir vor allem Achilleus tiefen Eindruck machte und mir lieb war. |
| Frühzeitig hatte ich gefallen zum Soldatenstande, und mein <Seite 3> höchster Wunsch war immer der, einmal ein tapferer Soldat zu werden wie mein Vater; allein ich war doch noch zu jung, um die Bedeutung zu erfassen, als mir an meinem zehnten Geburtstage, mein Großvater die Uniform des 1. Garde Regiments zu Fuß, unseren Hausorden und das Band nebst dem Stern des Schwarzen Adlerordens verlieh. Im Sommer 1869 machte ich von Rehme in Westfahlen aus, wo ich wegen der Gesundheit meines Bruders gewesen war, eine Reise ins Seebad Norderney zu meinen Eltern. Im Herbst machten wir Alle mit Ausnahme meines Vaters, welcher im Auftrage meines Großvaters nach dem Orient gereist war, in Begleitung von meinem Onkel Ludwig von Hessen, um ihn bei der Eröffnung des Suezkanals zu vertreten, mit meiner Tante Alice von Hessen und ihrer Familie, eine Reise nach Cannes in Südfrankreich am blauen Mittelländischen Meere. Hier sah ich zum ersten Male tropische Pflanzen daußen im Garten <Seite 4>oder gar wild wachsen, wie z.B. eine Menge von Cacteen und Aloe, einige mit den großem Baum ähnlichen Blüthenstengeln, wie ich sie manchmal auf Bildern aus dem Orient hatte abgebildet gesehn. Es kam noch zu uns nach Cannes mein Onkel, der Prinz Albrecht von Preußen, und wir feierten Alle ein vergnügtes Weihnachts- und Neujahrsfest. Bald nachdem mein Vater mit meinem Onkel wohlbehalten vom Orient zurückgekehrt war, reisten Alle außer meinem Bruder und mir nach Haus. Wir blieben den ganzen Winter über in Cannes und machten zuweilen Ausflüge in die Umgegend, nach Antibes welches eine römische Niederlassung war, und wo noch jetzt ein großes römisches Castell vollständig erhalten ist; nach der dicht vor uns liegenden Insel St. Marguerite, auf der viele Kabylen aus Algier vom Aufstand Abdel Kader's her gefangen saßen, und wo auch später Bazaine gefangengehalten worden ist. | |
© DigAM - digitales archiv marburg - www.digitales-archiv.net