Dokument 71: ENTWURF FÜR DAS GRABMAL DES GRAFEN REINHARD VON HANAU
(gestorben 1554 Oktober 11 zu Bethupe) durch den Bildhauer Jacob Joengheliconk zu Brüssel. In: Aktenband „der Grafen und Herren von Hanau uffgerichte Epithaphia belangent“,
16./17. Jahrhundert.
Bestand 81A / 13 Nr. 4.

ENTWURF VON JACQUES JONGEHLINCK FÜR DAS GRABMAL DES GRAFEN PHILIPP III. VON HANAU-MÜNZENBERG (* 1526 Nov.30 † 1561 Nov. 14), 1562
  Lit.: Thieme-Becken Künstlerlexikon s.v.
Best.: 81 A Rubr. 13 Nr. 4.

Am 19. April 1562 berichtete der Antwerpener Bildhauer und Siegelstecker Jacques Jonghelinck (1530-1606) aus Brüssel, wo er ebenfalls eine Werkstatt unterhielt, Graf Philipp IV. von Hanau-Lichtenberg (1514-1590) in Straßburg, daß er das Wachsmodell zu dem ihm zwei Jahre zuvor in Auftrag gegebenen Grabmal angefertigt habe und bereit sei, es „uffs Kupfer zu pringen „. Er fügte seinem Brief, von dem leider nur die Kanzleiübersetzung des französisch geschriebenen Originals erhalten ist, die gezeigte Modellzeichnung bei. Weder im Brief noch in den Akten wird gesagt, für wen das im Stil der Renaissance entworfene Modell bestimmt ist. Da das Mittelfeld des Grabmals das seit 1496 gebräuchliche Hanau-Münzenberger Wappen mit den Hanauer Sparren und den Münzenberger Balken aber noch ohne die Ergänzung durch das erst 1559 aufgenommene Rienecker Wappen zeigt, kommt nur ein Angehöriger des Hauses Hanau-Münzenberg in Frage. Nun ist bekannt, daß der Guß eines Epitaphs für den 1554 in Bethune an einer Schenkelverletzung verstorbenen Bruder des Grafen Philipp III. von Hanau-Münzenberg, Graf Reinhard (1528-1560), bei einem Meister in Brüssel in Auftrag gegeben wurde, der 1557 für das kurz vor der Vollendung stehende Werk, von dem Graf Reinhard von Solms schreibt, es werde „gantz schön und gewaltig“, um eine Nachzahlung bat und diese auch erhielt. Man wird wohl annehmen dürfen, daß es sich bei dem ungenannten Künstler um Jonghelinck handelte, und daß Graf Philipp III., der erst nach längerem Siechtum starb, im Anschluß an den für seinen Bruder ausgeführten Auftrag bei Jonghelinck sein eigenes Grabmal noch zu Lebzeiten bestellte, wobei er sich wohl aus nicht bekannten Gründen des Lichtenberger Vetters in Straßburg bediente. Als aber Jonghelincks Entwurf ein halbes Jahr nach dem Tode des Grafen Philipp in Hanau eintraf, mißfiel er offenbar. Man wünschte wohl ein Monument, daß den Verstorbenen in ganzer Gestalt zeigte, wie es dann in der Folge unter dem Einfluß der aus dem Hause Pfalz-Simmern stammenden Gräfinwitwe Helene von dem Bildhauer und Schultheißen in Simmern Johannes von Trarbach angefertigt wurde. Jonghelincks Entwurf zeigt dagegen unter dem von Säulen flankierten Mittelteil mit dem großen hanauischen Wappen eine Tafel für einen noch zu bestimmenden Text, die rechts und links von zwei weiblichen Figuren flankiert wird, die durch die Inschriften und die ihnen beigegebenen Attribute eines Spatens und eines Totenschädels als Arbeit (Labor) und Ruhe (Quies) gekennzeichnet sind. Gekrönt wird das Grabmal durch die aus einem tempelartigen Aufbau wie emporschwebend hervorwachsende Figur der Unsterblichkeit (Immortalitas). Jonghelinck gehörte zu den bekannten und gesuchten Bildhauern seiner Zeit und galt als zweiter Phidias und Praxiteles. 1563 wurde er zum Hofbildhauer ernannt. Von ihm stammt unter anderem das 1558 in Auftrag gegebene Grabmal Karls des Kühnen in der Kirche Notre Dame in Brügge. U.L.